Jakob Burger, Bezirksauswahltrainer & Trainerreferent des Bezirks Oberpfalz, schreibt für den BBV:

 


 

06. Juni 2019

 

Brasilianische Ballzauberer und deutsche Disziplin

 

 

Die Fußball–Weltmeisterschaft in Brasilien und der Titelgewinn der deutschen Nationalmannschaft sind schon ein paar Jahre her, doch durch ein Buch, das ich vor kurzem gelesen habe, wurde ich wieder auf die brasilianische Fußballkultur aufmerksam. Brasilianische Spieler gelten im Allgemeinen als sehr kreative und talentierte Fußballer; Deutschen hingegen werden oft als disziplinierte und harte Arbeiter bezeichnet. Im Basketball sieht es da ganz ähnlich aus – zumindest was die Fähigkeiten der Deutschen betrifft. Aber warum ist das eigentlich so?

 

Brasilianische Kinder aus der sozialen Mittelschicht müssen mit ganz anderen Voraussetzungen zurechtkommen. Ihnen steht nicht die Fülle an Möglichkeiten offen, die sich einem westeuropäischen oder speziell deutschen Kind bieten. Der Profifußball ist für brasilianischen Kinder oft die einzige Chance aus ihrem sozialen Status auszubrechen und ein besseres Leben zu führen. Von morgens bis abends spielen sie auf der Straße gegen andere Kinder Fußball – denn Schulbildung können sich die meisten von ihnen nicht leisten. Studien zeigen, dass sie bereits im Alter von 13 bis 14 Jahren auf ein Pensum von 10.000 Trainingsstunden kommen; eine Zahl, die in der Sportwissenschaft oftmals als Minimalwert für Spitzenleistung genannt wird. Bis ein Basketballer in Deutschland diesen Wert erreicht, ist er meist weit älter als 20 Jahre. Während Fußball in Brasilien in jungen Jahren oft die einzige Freizeitbeschäftigung ist, steht vielen Kindern in Deutschland die Welt offen. Basketball zu spielen ist dabei nur eine von vielen Möglichkeiten. Soziale Medien, Nachmittagsunterricht, Musikunterricht und viele weitere Aktivitäten müssen in den Wochenplan eines Zwölfjährigen passen. Die Terminkalender sind manchmal so voll wie die eines Erwachsenen. Zeit zum Spielen bleibt da oft nur wenig. Dreimal in der Woche für 90 Minuten auf den Korb zu werfen, sollte ja reichen.

 

Noch einmal zurück nach Brasilien in die staubigen Straßen. Hier wird niemandem erklärt wie die Schusstechnik richtig funktioniert oder wie Druck auf den Ball ausgeübt werden sollte. Jeder spielt gegen jeden und muss lernen sich durchzusetzen. Wer einen Ball zugepasst bekommen möchte, muss sich freilaufen, wer an dem größeren Gegenspieler vorbeiziehen möchte, muss eine glaubhafte Täuschung vollführen. Über die Jahre hinweg entwickeln sich hier ganz von selbst schnelle, dribbelstarke und kreative Spieler – eben genau die brasilianischen Ballzauberer, die wir in Europa kennen. Interessant zu beobachten ist hier, dass sich der Erfolg, den die Brasilianer auf der Straße haben, nur sehr begrenzt in ihre Akademien übertragen lässt. Doch wer mehr dazu lesen möchte, dem empfehle ich das Buch „The Gold Mine Effect“ von Rasmus Ankersen, der sich sehr ausführlich damit beschäftigt.

 

Die Vielzahl an Möglichkeiten, die wir in Deutschland haben ist für die Kinder ein Privileg. Nur wer alles werden kann und wem alle Türen offenstehen, wird möglicherweise einfach im Flur stehen bleiben. Als Trainer ist es unsere Aufgabe den Willen der Kinder zu entfachen und geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen, um ihnen den Weg zum Basketball zu ebnen.


 

13. März 2019

 

Gewinnen? Ansichtssache!

 

Heute möchte ich über das Thema Gewinnen im Jugendbasketball schreiben. Im Trainer-Alltag passiert es mir häufig, dass gute Spiele rein an der Anzahl der Punkte festgemacht werden. Das Team, das am Ende mehr Punkte erzielt, ist das Bessere von beiden. Oder vielleicht auch nicht?! Nur um eines direkt klarzustellen: als Trainer möchte ich natürlich alle meine Partien gewinnen; jedoch nicht um jeden Preis. Im Basketball zählt für mich mehr als nur der Punkte-Faktor. Ich mache die Leistung meiner Mannschaft nicht allein daran fest, ob wir am Ende als Gewinner oder Verlierer vom Feld gehen.

 

Ein Team, das auf der Anzeigetafel bzw. dem Anschreibe-Bogen als Verlierer gewertet wird, muss die Halle nicht zwingend mit hängenden Köpfen verlassen. Es gibt viele Gründe weshalb die Spielerinnen und Spieler sich trotzdem freuen und stolz auf sich sein können. Hier sehe ich die Jugendtrainer in der Pflicht ihrer Mannschaft dabei zu helfen die eigene Leistung einzuordnen und damit umzugehen. Für Arroganz nach einem hohen Sieg ist genauso wenig Platz wie für langanhaltende Frustration. Die Fragen, die sich jeder Spieler – egal ob nach einem Sieg oder einer Niederlage – stellen muss, lauten wie folgt: Habe ich heute mein Bestmöglichstes getan und was kann ich aus dieser Erkenntnis für die nächsten Spiele lernen? Welche Spielweise dient der Mannschaft und wie kann ich mich selbst weiter verbessern?

 

Um diese Fragen leichter beantworten zu können, habe ich zu Beginn der Saison gemeinsam mit meinem Team eine Skala erarbeitet, die unsere Leistung bewertet – völlig unabhängig von Spielergebnis oder Gegner. Herausgekommen ist eine Checkliste mit zehn Punkten, die wir nach jedem Spiel in der Kabine durchgehen und abhaken – oder eben auch nicht.

 

Exemplarisch ist zum Beispiel unser Warm-up einer der zehn Punkte. Wir wollen uns immer möglichst professionell aufwärmen, um so leichter und besser in die Partie starten zu können.

 

Nach jedem Spiel ergibt sich ein Wert aus zehn, der sozusagen unsere Leistung in Prozent widerspiegelt. Manchmal reichen sechs aus zehn Punkten aus, um gegen ein Team zu gewinnen; in anderen Spielen sind neun aus zehn Punkten nicht genug, um das Feld als Sieger zu verlassen. Unabhängig von Endergebnis und Gegner sehen wir an diesem Wert wie wir uns geschlagen haben. Die Kinder lernen ihre Leistung auf dem Feld besser einzuordnen und so leichter mit Niederlagen umzugehen. Ein verlorenes Spiel, in dem wir einen Großteil unserer Ziele erreicht haben, ist für mich höher zu bewerten als ein Sieg, nach dem wir nur die Hälfte aller Punkte auf unserer Checkliste abhaken können.

 

Über die Saison hinweg konnte ich so die stets besser werdende Einschätzung der eigenen, aber auch der Mannschaftsleistung meiner Jungs beobachten. Nicht zuletzt deshalb empfehle ich allen Jugendtrainern diesen Ansatz selbst einmal mit ihren Mannschaften auszuprobieren, um so einen etwas anderen Blickwinkel auf das Thema „Gewinnen“ zu erhalten.


 

07. Februar 2019:

 

Von der Schulbank in die NBA?!

 

Was ist dein Ziel im Basketball? Wovon träumst du? Wenn ich diese Frage den zehn- bis

vierzehnjährigen Kids in unserem Verein stelle, höre ich oft ähnliche Antworten: „Ich will in der NBA spielen.“ „Ich will so gut sein wie Dirk Nowitzki, LeBron James oder Dennis Schröder.“ „Ich will Einsatzzeit in der BBL bekommen.“ Aus meiner Sicht des Nachwuchstrainers sind solche Antworten super. Die Jungs und Mädchen haben Ziele bzw. Träume und sind motiviert diese zu verwirklichen. Wie viel Arbeit und Aufopferung in Wirklichkeit jedoch dahinterstecken, realisieren die allermeisten erst viel zu spät.

Wer allerdings begreift, wie man für den Traum vom Profibasketball arbeiten muss, hat eine realistische Chance es weit zu bringen.

Ein Trainerkollege von mir hat letztes Jahr etwas sehr Schlaues gesagt: wenn du Profi-Geiger werden willst, musst du dich jeden Tag an die Geige setzen und stundenlang üben. Dass Gleiches auch für den Traum vom Profibasketball gilt, ist den meisten nicht klar. Wer es weit bringen will, muss hunderte und tausende Male auf den Korb werfen; und das am besten jeden Tag. Das mag vielleicht am Anfang hart klingen, doch sind deine Leidenschaft für den Sport und dein Traum Profi zu werden, erst einmal groß genug, wird tägliches Work-Out schnell zur Normalität.

 

Eine Wahrheit, die allen bewusst sein muss. Wer es schon als junger Spieler in die Nationalmannschaft schafft, hat das in den meisten Fällen nicht einfach in die Wiege gelegt bekommen, sondern jeden Tag hart dafür gearbeitet. Jedes Wochenende zwei oder drei Spiele zu absolvieren und oft lange Fahrtwege ins Training auf sich zu nehmen, sind unabdingbar, um am Ende mit der gewissen Portion Talent groß herauszukommen.

 

Die drei Dinge, die es gilt unter einen Hut zu bringen, sind Familie, Schule und Sport; also Basketball. Und zwar genau in dieser Reihenfolge. Stehen deine Eltern nicht hinter deiner Leidenschaft für das orange Leder und unterstützen dich bei deinem Traum, wird es schwer diesen zu verwirklichen. Klar sein sollte auch, dass die Chance es tatsächlich einmal in die Bundesliga oder die NBA zu schaffen, verschwindend gering ist. Daher ist es umso wichtiger auch die Schule nicht zu vernachlässigen. Zu guter Letzt musst du dem Basketball täglich Platz einräumen; und das oftmals für mehrere Stunden.

 

Die Trainer können lediglich den geeigneten Rahmen für die Helden von morgen schaffen. In die Halle kommen und sich jeden Tag verbessern zu wollen – das ist schon früh die Aufgabe des Spielers selbst.

 

Und ich rede hier nicht vom JBBL- oder NBBL-Alter. Bis dahin haben es die meisten Spieler bereits begriffen. Vielmehr beziehe ich mich auf den jüngeren Bereich, in dem es beispielsweise darum geht erstmals für eine Landesauswahl gesichtet zu werden und der Trainingsumfang sich nach und nach steigert – zu diesem Zeitpunkt müssen die zukünftigen Bundesligaspieler zeigen wie sie ihren Traum verwirklichen wollen.

 

Die Vereine und Schulen sind gefordert Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen sich Talente entwickeln können. Ein angepasster Stundenplan, Individualtrainings statt Sportunterricht, oder auch variable Schulaufgabentermine sind Möglichkeiten, die eine sportliche Entwicklung enorm erleichtern. Die sich im Aufbau befindliche Eliteschule des Sports in München oder das Sportinternat in Jena sind gute Beispiele, wie Schule und Sport gleichermaßen gefördert werden können. Hier profitieren Eltern, Kinder und Schule vor allem von der Zusammenarbeit. Wenn alle zusammen arbeiten können wir es schaffen unsere Talente nach ganz oben zu bringen.